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  • Angelika Wild-Wagner

Ruhekissen mit Stacheldraht

Heidelberger Gedok-Galerie zeigt Malerei und Keramik


Von Matthias Roth


Sofort fällt eine ungewöhnliche Harmonie auf, wenn man die Gedok-Galerie in der Heidelberger Weststadt betritt: Sabine Schreier und Angelika Wild-Wagner, die hier ausstellen, benutzen ähnliche Farbtöne zwischen Weiß, Blau und erdigem Ocker, sie vermeiden knallige Effekte und arbeiten mit rauen Oberflächen, obwohl sie in zwei völlig unterschiedlichen Metiers zu Hause sind: der Malerei und der Keramik.

„Das war nicht so verabredet und hat uns selbst überrascht“, schwört die Keramikerin Wild-Wagner. „Der Erde verbunden“, so der Titel der Ausstellung, habe sich aus der Arbeit selbst ergeben: Sie benutzt feinen Ton, der mit 20 Prozent Schamotte gemischt ist, und die Kollegin Schreier widmet sich mit Ölkreide und Acryl der Landschaft, fügt aber in ihre Bilder oft andere Materialien ein, was der Oberfläche vielschichtige Tiefe verleiht.

Die Diplombiologin Wild-Wagner arbeitet seit fast 20 Jahren mit Keramik und hat darin eine klare Formensprache entwickelt. Ihre Gefäße (Vasen) sind rund, oval oder rechteckig. Sie arbeitet mit Reservierungstechniken, was bedeutet, dass Teile des Tons vor der Glasur mit Plastikfolie oder Wachs abgedeckt und später gesondert behandelt werden. So ergeben sich Muster von hohem Reiz.

Wild-Wagners Wand-Objekte der Serie „Urban Paradies“ haben die Form von Kissen und versprechen im Titel „Süße Träume“ oder „Unruhigen Schlaf“. Dabei sind die tönernen Hohlkörper für alles Mögliche geeignet, nur nicht zum Ausruhen, denn diese Gegenstände sind keine sanften Ruhekissen. Die Paradoxie wirkt irritierend über die Komponente des Haptischen hinaus. Man ist versucht, diese scheinbar flauschigen „Paradekissen“ aufzuschütteln und ihnen mit der Handkante einen Knick zu verpassen. Besonders das Objekt „On the Border“ (An der Grenze) verbreitet unerwartetes Unwohlsein: Hier ist ein weißes Kissen mit Stacheldraht umwickelt, und das Glück verheißende Kuschelbedürfnis schlägt um in Schrecken. „Die Idee kam mir während der großen Fluchtbewegungen der letzten Jahre: Wohin soll man fliehen, wenn man nirgendwo willkommen ist?“, erklärt die Künstlerin ihre Motivation zu dieser und ähnlichen Arbeiten.

Sabine Schreiers Landschaftsbilder entstehen ebenfalls auf vielschichtigem, vieldeutigem Untergrund: Die Leinwand wird mit Plastikresten, Papier und anderem drapiert, Sand wird in die Acrylfarbe gemischt. Blau, Weiß, Grau und Beige lassen Meer, Felsen, Wolken, Gischt assoziieren. Die Oberfläche enthält eine Tiefenstruktur, die faszinierende Details spiegelt. Bei genauerem Hinsehen entdeckt man aufgeklebte Folien, die – so verrät die Kollegin – in ihrer Keramik-Werkstatt als Müll anfielen. Diese Bilder vom Meer oder von Gebirgen beziehen so die Gefährdung der Natur mit ein, die der Malerin seit jeher ein großes Anliegen ist.

Die Landschaft wird hier zum Sinn-Bild des Menschen, der die Natur liebt und sie gleichzeitig im Müll erstickt. Ihre Verbundenheit zur Erde zeigen die beiden Gedok-Künstlerinnen also im Besonderen in einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwart.

Info: Gedok-Galerie, Römerstr. 22, Heidelberg, bis 18. November. Mi. und Fr. 16-19 Uhr, Sa. 11-14 Uhr.


© Rhein-Neckar Zeitung| Feuilleton| 27.10.2023



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